{"id":2133,"date":"2015-09-28T14:31:58","date_gmt":"2015-09-28T12:31:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alpbach.bz.it\/?p=2133"},"modified":"2015-12-16T13:09:22","modified_gmt":"2015-12-16T12:09:22","slug":"die-unertragliche-leichtigkeit-der-ungleichheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alpbach.bz.it\/it\/die-unertragliche-leichtigkeit-der-ungleichheit\/","title":{"rendered":"Die unertr\u00e4gliche Leichtigkeit der Ungleichheit"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"http:\/\/www.alpbach.bz.it\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Alpbach_Benni.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-2134 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.alpbach.bz.it\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Alpbach_Benni.jpg\" alt=\"Alpbach_Benni\" width=\"626\" height=\"626\" srcset=\"https:\/\/www.alpbach.bz.it\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Alpbach_Benni.jpg 626w, https:\/\/www.alpbach.bz.it\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Alpbach_Benni-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.alpbach.bz.it\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Alpbach_Benni-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.alpbach.bz.it\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Alpbach_Benni-600x600.jpg 600w, https:\/\/www.alpbach.bz.it\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Alpbach_Benni-624x624.jpg 624w\" sizes=\"(max-width: 626px) 100vw, 626px\" \/><\/a><\/strong><\/p>\n<p>Von Benjamin Monsorno<\/p>\n<p><strong>Kann Ungleichheit in der Wirtschaft auch positive Seiten haben? Ab welchem Zeitpunkt ist der Unterschied zwischen Arm und Reich zu gro\u00df? Und wie kann die \u201eSchere der Ungleichheit\u201c wieder geschlossen werden? Auf der Suche nach Antworten bei den diesj\u00e4hrigen Wirtschaftsgespr\u00e4chen des 70. Europ\u00e4ischen Forums in Alpbach.<\/strong><\/p>\n<p>Noch nie gab es auf unseren Planeten so wenig Menschen, die unter der Armutsgrenze leben. Die Erfolge der globalen Armutsbek\u00e4mpfung haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine neue Mittelschicht in den Schwellen- und Entwicklungsl\u00e4ndern dieser Welt geschaffen. \u00dcber eine Milliarde Menschen haben alleine in den letzten 15 Jahren die Armut \u00fcberwunden und verf\u00fcgen \u00fcber einen bescheidenen aber wachsenden Wohlstand.<\/p>\n<p>Dass es bei der Definition von Mittelschichten um nationale Durchschnittsgr\u00f6\u00dfen handelt, welche um 25% \u00fcber und unter dem Durchschnittseinkommen einer Bev\u00f6lkerung liegen, kann generell zu verzerrenden Interpretationen f\u00fchren. Denn Kapitalismus schafft zwar Reichtum, er vergr\u00f6\u00dfert aber auch seit Jahrzehnten die Kluft zwischen Wohlhabenden und Mittellosen. Und genau hier lag die Grundlage f\u00fcr zahlreiche Debatten, Arbeitsgruppen und Vortr\u00e4gen bei den diesj\u00e4hrigen Wirtschaftsgespr\u00e4chen des Europ\u00e4ischen Forums in Alpbach.<\/p>\n<p><strong>Der amerikanische Traum ist geplatzt<\/strong><\/p>\n<p>Glaubt man Dr. Matthias Schnetzer vom Institut f\u00fcr Makro\u00f6konomie der WU Wien ist der amerikanische Traum bereits in den 70er Jahren geplatzt \u2013 zumindest in \u00d6sterreich. <!--more-->Denn laut Schnetzer hat sich in den vergangenen 40 Jahren die Schere zwischen Arm und Reich in \u00d6sterreich immer weiter ge\u00f6ffnet. Dies f\u00fchrt dazu, dass ein Gro\u00dfteil der \u00f6sterreichischen Bev\u00f6lkerung nicht \u00fcber dieselben M\u00f6glichkeiten verf\u00fcgt. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sieht Schnetzer im finanziellen Background der Eltern und den riesigen Ungleichheiten bei Erbschaften von Verm\u00f6gen.<\/p>\n<p>Doch Ungleichheit alleine ist nicht ein Grundproblem an sich. So ist ein bestimmtes Ma\u00df an Ungleichheit f\u00fcr wirtschaftliches Wachstum notwendig. \u201eWir brauchen ein gewisses Ma\u00df an Ungleichheit in einer Gesellschaft, da ansonsten alle gleich \u00b4wenig\u00b4 besitzen w\u00fcrden \u2013 und dieser Wohlstand w\u00e4re in \u00d6sterreich auf einem sehr niedrigem Durchschnittslevel.\u201c, sagt Schnetzer. Doch es scheint als w\u00fcrden die positiven Aspekte einer weltweiten Wohlstandskluft \u00a0im gegenw\u00e4rtigen Ungleichheitsdiskurs den Contra-Argumenten nicht das Wasser reichen k\u00f6nnen. Denn die Tatsache, dass 1 Prozent der Weltbev\u00f6lkerung ab 2016 erstmals mehr als die H\u00e4lfte des globalen Verm\u00f6gens besitzt (siehe <a href=\"https:\/\/www.oxfam.org\/sites\/www.oxfam.org\/files\/file_attachments\/ib-wealth-having-all-wanting-more-190115-en.pdf\">Oxfam-Studie<\/a>) birgt ein un\u00fcberwindbares Konfliktpotential.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Frage bei der Debatte in Alpbach lag aber nicht in der Umverteilung des Verm\u00f6gens, schlie\u00dflich hat ein Bill Gates niemanden das Verm\u00f6gen \u201egestohlen\u201c, die gro\u00dfe Frage war und ist, wie man f\u00fcr die andere H\u00e4lfte der Weltbev\u00f6lkerung, welche \u00fcber gar keine Mittel verf\u00fcgt, faire Grundvoraussetzungen f\u00fcr die Verbesserung ihres Lebensstandards schafft.<\/p>\n<p><strong>Ein neuer Stern am Intellektuellenhimmel<\/strong><\/p>\n<p>Wie erwartet fiel der Name des franz\u00f6sischen Star\u00f6konomen Thomas Piketty bereits bei der Er\u00f6ffnung der Wirtschaftsgespr\u00e4che. Kein anderes Werk hat in den vergangenen Jahrzehnten in der internationalen wirtschaftspolitischen Intellektuellenszene \u00e4hnlich viel Aufsehen erregt wie Pikettys \u201eDas Kapital im 21. Jahrhundert&#8221;. Seit Jahren sammelt Piketty gemeinsam mit seinen Kollegen Daten \u00fcber das Geld der Welt, allen voran \u00fcber das der Reichen. Das ist nicht einfach; denn so omnipr\u00e4sent und wirkm\u00e4chtig sich das Kapital zunehmend erweist, so wenig untersucht ist es.<\/p>\n<p>Pikettys Kernaussage ist klar und deutlich: Ungleichheit ist kein zuf\u00e4lliger Auswuchs des Kapitalismus sondern ein notwendiges Merkmal dieser Wirtschaftsform. Einmal ausgel\u00f6st, vermehrt sich die Masse des Kapitals schneller als Arbeitnehmer ihr Verm\u00f6gen durch Arbeit steigern k\u00f6nnen. \u201eWenn der Staat oder die Geschichte nicht regulierend eingreifen, w\u00e4chst das Kapital schneller als der Ertrag der Arbeit.\u201c, sagte der Senior Analyst der OECD, Michael F\u00f6rster in einem Seminar des Forums. Seine Schlussfolgerung lautete: wird ein derartig exzessiver Kapitalismus nicht bald reformiert, ist die demokratische Grundordnung nur schwer zu retten. Dieser Prozess ist heute bereits in s\u00fcdeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern und in Russland zu beobachten. Das b\u00fcrgerliche Leistungsprinzip ist dort ausgehebelt, was z\u00e4hlt ist die gesellschaftliche Stellung und die Finanzkraft der Eltern.<\/p>\n<p><strong>Pragmatische Wirklichkeitsgestaltung<\/strong><\/p>\n<p>Der Diskurs zum Thema Ungleichheit war bei den diesj\u00e4hrigen Wirtschaftsgespr\u00e4chen in Alpbach vor allem eines: grundlegend pragmatisch. Und das war auch gut so. Denn w\u00e4hrend die vorgelegten Studien und Statistiken im globalen Wirtschaftskontext eingangs zutiefst emotional und erdr\u00fcckend wirkten, halfen die folgenden pragmatischen Diskursans\u00e4tze eine Basis f\u00fcr zuk\u00fcnftige Ver\u00e4nderungsprozesse zu schaffen. Platz f\u00fcr sozialistische, marxistische oder neoliberale Ideologien war in diesem Diskurs \u00fcber Ungleichheit keiner. Denn Ideologien spielen mit Gef\u00fchlen und liegen einem schnellem stereotypisierenden Denken zu Grunde. Pragmatismus hingegen bezieht die Andersdenkenden mit ein und f\u00f6rdert den Konsens. Im Pragmatismus beweist sich die Wahrheit einer Theorie an ihrem praktischen Erfolg, an ihrer Realisierbarkeit also. Und dazu geh\u00f6rt es auch Kritik und Zweifel anzunehmen, aus Fehlern zu lernen, Meinungen zu erneuern und sich auch zu ver\u00e4ndern. Ein pragmatisches Handeln ist also niemals an \u201eunver\u00e4nderliche Prinzipien gebunden\u201c.<\/p>\n<p>Alleine deshalb lohnte es sich diese schier \u201eunertr\u00e4gliche Leichtigkeit der Ungleichheit\u201c durch pragmatische L\u00f6sungsans\u00e4tze zur\u00fcck auf den Boden der Realit\u00e4t zu holen. Und so waren sich die Experten in Alpbach einig, dass eine ungleiche globale Einkommens- und Verm\u00f6gensverteilung nur durch die gerechte, progressive Besteuerung des Verm\u00f6gens und, allen voran, durch die vermehrte F\u00f6rderung von Bildung bek\u00e4mpfbar ist. Und zwar ohne leidenschaftliche Reden aber daf\u00fcr mit viel Vernunft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Benjamin Monsorno Kann Ungleichheit in der Wirtschaft auch positive Seiten haben? Ab welchem Zeitpunkt ist der Unterschied zwischen Arm und Reich zu gro\u00df? Und wie kann die \u201eSchere der Ungleichheit\u201c wieder geschlossen werden? 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