{"id":1414,"date":"2014-08-29T00:00:48","date_gmt":"2014-08-28T22:00:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alpbach.bz.it\/?p=1414"},"modified":"2014-09-14T15:45:43","modified_gmt":"2014-09-14T13:45:43","slug":"der-olpbacher-liveticker-und-der-traum-von-der-normalitat-der-dinge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alpbach.bz.it\/it\/der-olpbacher-liveticker-und-der-traum-von-der-normalitat-der-dinge\/","title":{"rendered":"Der Olpb\u00e4cher-Liveticker und der Traum von der Normalit\u00e4t der Dinge"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n<p>Als Erststipendiat der CASA hatte ich heuer erstmals die M\u00f6glichkeit, am Europ\u00e4ischen Forum Alpbach teilzunehmen und mit Experten aus Wirtschaft, Politik und Kultur \u00fcber aktuelle Themen zu debattieren und meinen Ansichten und Meinungen Geh\u00f6r zu verschaffen. Doch als Jungakademiker erfuhr ich im \u201csch\u00f6nsten Dorf \u00d6sterreichs\u201c schnell, dass eine bestimmte Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit, zwischen Vorgetragenem und Erwartetem herrscht. Denn die Realit\u00e4t in Alpbach ist eine Kultur der Moderne, eine Kultur, als deren Tr\u00e4ger bis dato die Generationen X, Y oder Z definiert worden sind, also wir. In diesem Kontext erlaube ich mir, Ihnen, liebe Leser, den Begriff der <em>Wischiwaschi-Kultur <\/em>vorzustellen. Ein Begriff, den ich nicht erfunden habe, welcher aber im allt\u00e4glichen Sprachgebrauch zur gegenw\u00e4rtigen Jugendkultur zu finden ist und auch in Alpbach seine berechtigte Verwendung hat. Ich bin mir des anf\u00e4nglichen, bitteren Beigeschmackes dieses Begriffes durchaus bewusst, doch glaube ich, dass diese kritische Haltung ganz im Sinne des <em>spirits<\/em> von Alpbach ist. Die diesj\u00e4hrigen Technologie-, Politik-, Wirtschafts- und Finanzmarktsymposien waren gepr\u00e4gt von einem umh\u00fcllenden Tuch von Ungewissheit und Unsicherheit. Sie fragen sich, ob wir bei der Suche nach der Weggabelung des Europ\u00e4ischen Scheideweges erfolgreich waren? Die Antwort lautet: <em>Jein<\/em>.<\/p>\n<p><!--more-->Ein ganzer Kontinent fragt sich also nach seiner Identit\u00e4t, seiner narrativen Entwicklung und wie er sich in Anbetracht der gegenw\u00e4rtigen Krisen, in und au\u00dferhalb von Europa, positionieren soll. Und w\u00e4hrend Begriffe wie Wertvorstellungen, Flexibilit\u00e4t, Mobilit\u00e4t, Diversit\u00e4t, Mut oder schlicht Risikobereitschaft, in der Form des Damoklesschwertes \u00fcber den K\u00f6pfen der teilnehmenden StipendiatInnen schwebt, frage ich mich, ob ich \u00fcberhaupt Antworten bekommen m\u00f6chte. <em>Oder doch lieber nicht?<\/em><\/p>\n<p>Auf der Suche nach der Normalit\u00e4t der Dinge st\u00f6\u00dft man in Alpbach also auf eben jenen Motor, welcher eine konstruktive Systemkritik erst am Laufen h\u00e4lt: \u201eJa, aber!\u201c Und genau hier muss das Unkraut unserer Eltern-Generation an den Wurzeln gepackt und ausgerissen werden. Denn die Skepsis gegen\u00fcber dem Wissen kommt aus der Wissenschaftstheorie und somit der Wissenschaft selbst. W\u00e4hrend die Jugend Europas also aufgefordert wird, mehr Initiative zu ergreifen und der eigenen Verantwortung als Europ\u00e4erInnen mutig und risikofreudig in die Augen zu schaugen, kommen f\u00fcr mich wieder neue Fragen auf. Sind wir, die Zukunft Europas, eigentlich die Antwort auf die offenen Fragen der gerade im <em>olpb\u00e4cher<\/em> Kongresssaal referierenden Eltern-Generation? Ist es nicht unsere Generation, welche mit verbundenen Augen zu ebendiesem Scheideweg entf\u00fchrt wurde und jetzt mit vorgehaltener Pistole, aber doch h\u00f6flich, gebeten wird, \u201eman m\u00f6ge sich doch f\u00fcr die richtige Weggabelung entscheiden &#8211; aber dalli\u201c. <em>Who knows?<\/em><\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend meine Gedanken sich um weitere Fragen und Inputs kreisen, versuche ich, diese unz\u00e4hligen, \u00fcberw\u00e4ltigenden Eindr\u00fccke des diesj\u00e4hrigen Europ\u00e4ischen Forum Alpbachs zu verarbeiten und entscheide mich am Scheideweg betreffend der Form meines Berichtes f\u00fcr die wohl unkonventionellste und einfachste Online-Berichterstattung, dem Live-Ticker. Im Sinne der <em>Wischiwaschi-Kultur<\/em> also: mein ganz pers\u00f6nlicher <em>Olpb\u00e4cher-Liveticker.<\/em><\/p>\n<p>00:08 Uhr: Herzlich Willkommen liebe Leser. Es ist Mittwoch, der 27. August 2014 und es ist Alpbach-Time. Nach der heutigen Er\u00f6ffnung der Wirtschaftsgespr\u00e4che bin ich immer noch ganz durcheinander \u2013 nicht von den Vortragenden, sondern den gratis Bio-Energydrinks am Eingang. Bbbbrrrrrrr&#8230; da h\u00f6rt sich das klassische Konzert im Kongresssaal auch gleich besser an. Ist das Franz Fischler der sich in der ersten Reihe zwischen zwei blonde StipendiatInnen einh\u00e4ngt und mitschwingt? Wenn das Helene Fischer w\u00fcsst&#8230;<\/p>\n<p>00:23 Uhr: Gerade den jungen <em>olpb\u00e4cher<\/em> Schriftsteller Robert Prosser getroffen und bereit flexibel und (un)mobil ins Jakober Gasthaus zu starten. War das da eben ein Wohnmobil? Vielleicht unsere Freunde vom Club Alpbach Trient Trento? Ich liebe Klischees.<\/p>\n<p>00:47 Uhr: W\u00e4hrend ich mit Robert \u00fcber lyrisches Prosa rede (wohl eher zuh\u00f6re) sehe ich den \u00d6konomen Tomas Sedlacek an der Theke. Scheint als holen die Referenten hier in Alpbach ihr Eramsus-Auslandssemster nach \u2013 na dann WMCA!<\/p>\n<p>02:13 Uhr: Wir sind mittlerweile im Hallenbad gelandet &#8211; Club Senza-Confini feiert eine Party. Und Matthias Strolz fegt wieder \u00fcber die Tanzfl\u00e4che, als w\u00e4re es seine Bachelorfeier. Glaube der hat noch nicht mitbekommen, dass in Wien gerade das Kabinett umgebildet wird. Die NEOS-M\u00e4dels scheinen recht froh dar\u00fcber. <em>And who cares?<\/em><\/p>\n<p>03:43 Uhr: Gute Nacht Alpbach, du Dorf der Denker, Netzwerker, Anzugtr\u00e4ger und Sch\u00fcrzenj\u00e4ger. Der heutige Abend ist abermals in nervenaufreibenden und durstl\u00f6schenden Debatten ausgeartet. Wer war nochmal dieser Thomas Bernhard? Muss morgen mal bei meinen gesammelten Visitenkarten nachschauen.<\/p>\n<p>08:45 Uhr: Margit weckt mich. Die Besitzerin vom Haus Barbara klopft wie jeden Tag um viertel vor zehn an unseren Zimmert\u00fcren und fragt ob wir fr\u00fchst\u00fccken m\u00f6chten. Heute kommt sie sogar mit dem W\u00e4schekorb und meinen geb\u00fcgelten Unterhosen ins Zimmer. Meiner Chronistenpflicht bin ich damit nachgekommen. Kann ja nur besser werden.<\/p>\n<p>09:06 Uhr: Dusche, Kaffee, Semmel, Standbauke von Margit, sie h\u00e4tte mich seit zwei Tagen nicht gesehen, Auto, Mittelschule, Breakout Session, Wirtschaftsgespr\u00e4che, gro\u00dfartiger Tag, #IloveBrankoMilanovic, aufgeregt.<\/p>\n<p>09.16 Uhr: Arbeitsgruppe zum Thema \u201eNeue Wirtschaftsmodelle f\u00fcr Europa\u201c. Der ehemalige italienische Arbeitsminister Giovannini sagt wir sollen unsere Augen schlie\u00dfen und uns f\u00fcnf Dinge vorstellen, welche wir unseren engsten Menschen f\u00fcr die Zukunft w\u00fcnschen m\u00f6chten. <em>Giovanni-wer?<\/em><\/p>\n<p>13:30 Uhr: Mittagspause. Endlich. Dr\u00e4ngen uns heute vor wie Pensionisten an den St\u00e4nden am Obstmarkt in Bozen. Haben schlie\u00dflich ja auch keine Zeit zu verlieren.<\/p>\n<p>14:30 Uhr: Trommelwirbel&#8230; da tritt er ein: Branko Milanovic. \u00d6konom und Statistiker, der Weltstar unter jenen, die sich mit Einkommensverteilung besch\u00e4ftigen. Ein Gini-Fundamentalist, der an der NYU lehrt. Danke CASA, dankeeee!!! Br\u00e4ucht jetzt ein Taschentuch.<\/p>\n<p>16:57 Uhr: Meine gro\u00dfe Stunde, mein Auftritt, mein pers\u00f6nliches Wunder von Cordoba. Hand hochgehalten, Branko anvisiert, Frage formuliert, Antwort bekommen. Ich denke schon an den Titel meines Buches: \u201eMy 30 Seconds with Branko\u201c.<\/p>\n<p>17:24 Uhr: Es spricht sich rum, dass nach der Breakoutsession ein Shuttlebus zur Bischoferalm f\u00e4hrt. Offizieller Empfang der REWE Group &#8211; gratis Essen und Trinken also. Naja, wenns unbedingt sein muss&#8230;<\/p>\n<p>17:25 Uhr: Sitzen in Davids Privatauto und verfolgen die Shuttlebusse hoch zur Bischoferalm. F\u00fchl mich wie ein Greenpeace-Reporter, der versucht, Putin beim B\u00e4renjagen zu fotografieren.<\/p>\n<p>18:40 Uhr: Waren wiedermal die einzigen G\u00e4ste in Jeans und Strickpulli. Geschmeckt hats trotzdem. Jetzt am Weg zum n\u00e4chsten Konzert im Kongresshaus. Keep on rocking!<\/p>\n<p>22:10 Uhr: Sind im 4s B\u00f6glerhof gelandet. Offizieller Empfang von T-Mobile \u00d6sterreich. Herr Dr. Anzengruber (CEO Verbund) fragt mich nach einer Zigarette. Ein NEIN liegt mir auf der Zunge. Oder JEIN? Antworte mit JA.<\/p>\n<p>02:15 Uhr: Und ein weiteres Highlight in meinem bisherigen, jungen Leben: Kilian Kleinschmidt, UN Beauftragter, stellt sich zu uns und beginnt ein Gespr\u00e4ch. Der Typ baut einfach Fl\u00fcchtlingsst\u00e4dte f\u00fcr 250.000 Menschen in Syrien. Die Normalit\u00e4t der Dinge r\u00fcckt wieder in weite Ferne.<\/p>\n<p>04:17 Uhr: Sind immer noch gefesselt von Kilian. Alles Andere, als den Nachhauseweg anzutreten, w\u00e4re nach diesem Gespr\u00e4ch eine Schande. Gute Nacht ist hier fehl am Platz.<\/p>\n<p>09:56 Uhr: Franz Tschimben weckt mich voller Freude: die Sonne scheint!! Erstmals haben wir sch\u00f6nes Wetter in Alpbach. Wir starten gleich in Richtung Bergbahn. Die Gedanken und Erinnerungen der letzten Tage mit im Gep\u00e4ck. Warum nicht einfach einen Tag am Berg verbringen? Die Generation Vielleicht ist in diesem Moment weit entfernt. Bis heute Abend im Kongresszentrum jedenfalls&#8230; und anschlie\u00dfend im Jakober? <em>Why not!<\/em><\/p>\n<p>von Benjamin Monsorno<\/p>\n<p><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Erststipendiat der CASA hatte ich heuer erstmals die M\u00f6glichkeit, am Europ\u00e4ischen Forum Alpbach teilzunehmen und mit Experten aus Wirtschaft, Politik und Kultur \u00fcber aktuelle Themen zu debattieren und meinen Ansichten und Meinungen Geh\u00f6r zu verschaffen. 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