SUMMER OF 2015 – QUER durch die Stimmen und was sie zu sagen haben


AlpbachDas (sprachliche) Bewusstsein erweitern/ die Ohren ausdehnen (nicht nur die Muschel, auch das Fell)/ den Kopf nach unten halten

-_____Die VOM-TISCH-GEHÜPFTE – QUER durch die Stimmen und was sie zu sagen haben

 

Auslöser dieses Textes ist eine Lesung junger Autorinnen und Autoren im Rahmen des Europäischen Forum Alpbachs. Sie soll als QUERgelesene Verbindung zwischen vier literarischen Bewegungen des Sommers 2015 stehen: Im Raum zwischen Alpbach und Lana. Mit einer unruhigen Welt im Nacken.

 

von Maria Christina Hilber

> Starten wir vor Ort in Alpbach.

Feuerwehrhalle, perfekt zurechtgerückte Landschaft und Häuser im Sommerabendlicht (viele Balkone haben nur Richtung Straße ihre Blumenteppich aufgehängt bemerke ich während mir ein hölzerner Bärenkopf mit nachsichtigem Blick folgt), roter Vorhang im Lesesaal, draußen wird Schüttelbrot und Wein arrangiert. Die sechs JungautorInnen werden gleich mit Slam-Texten, Miniaturprosa, Kurzgeschichten, Lyrik hin- und Bühnenmonologen herjonglieren. Sie wurden von Barbara Zelger zusammen mit dem Club Alpbach Südtirol Alto Adige eingeladen.

Sie kennen einander. Man freut sich. http://www.alpbach.bz.it

Theodora Bauer, Autorin des Erstlingswerks “Das Fell der Tante Meri“ sprach von “ihrem Burgenland” im Osten, von Zu- und Rückflüssen einer gemeinsamen Gegenwart. “Wann habe ich meine Schuldigkeit getan?”, fragt sie sich und gibt die Frage an uns weiter.

Das war noch bevor dort am Straßenrand ein Schlund im Asphalt aufging, der sich nie mehr schließen wird.

Aus einem Recherchebericht zu Tuzla in Bosnien las dann Robert Prosser, Slambühnenakteur, Autor von “Geister und Tatoos” und zitiert im Klicken seiner Sprache ganze Schwärme an Subversivkulturen zwischen Gazipark, Madrid, Hamburg und Kopenhagen. Da tauchen bosnischen Mönchen neben Glory holes und Christenkultur nebst Graffitimalerei in der Feuerwehrhalle auf.

“Ihren Süden” holt Barbara Zelger herauf und wandert mit uns durch die Spiegel der Vergangenheit, während bei Gerd Sulzenbacher die südliche, lyrische “Sonne, mit Absicht nicht gegrüßt wird”. Matthias Vieider, ebenso hinter der Europabrücke geboren, schafft Miniaturprosa, die nach einem ganz eigenen Regelwerk der Logik und Bildersprache funktioniert und begleitet einen seiner Texte vor allem mit sich selbst und seinem Körper. Martin Plattner, Autor dramatischer Texte, flutet in “Valmutsch” vor aller Augen und den Augen seiner Frauenfigur ein Tal, während in “Ferner” das Mittelmeer zum Gletscher friert und alles verschließt was in ihm war. Martin Plattner schreibt übrigens ausschließlich Frauenfiguren. Einander Stimme geben kann auch als gesellschaftlicher oder künstlerischer Auftrag gesehen werden.

 

Danach sitzt und steht und trinkt man noch zusammen, so entstehen im Gespräch neue Landkarten, die keinen Anspruch auf harte Linien stellen.

 

> Franzensfeste

Zeitgleich läuft in der CASA NANG die Audio-Textinstallation von 24 Autor_innen, welche ebenso zufällig hinterm Brenner geboren wurden. Bühnenpoesie und musikalische Verschmelzungen, Geschichten aus Ladinien mitsamt deutscher Übersetzung, italienische Lyrik, Kurzprosa, Zukunftsvisionen, dramatische Anweisungen an den Betrachter – Die Vielgestaltigkeit der literarischen Beiträge vibriert für zweieinhalb Monate. Es handelt sich um ein Sich-wünschendes-Projekt, ein “Start-Up” würde es in Alpbach wohl genannt werden, welches als Verbindungsprojekt eine Serie an Veranstaltungen schafft um auf Dialog zwischen Schreibern und Lesern zu pochen und um die Literatur der Lebenden abzuklopfen. www.casanang.eu

> Feldthurns

Nächste Station ist ebenso ein Starterprojekt: Unter dem Thema: Zuflucht fand die erste Summer School für dramatisches Schreiben statt, welche im Juli eine Intensivwoche zwischen Autor_innen, Aktivisten, Wissenschaftlern, Flüchtenden und Interessierten bot. Ziel waren die Entwicklung neuer dramatischer Texte und konzentrierter Austausch dazu, außerdem: “Zusammen mit Betroffenen sowie Fachleuten aus Sozialwissenschaft, Politik, Philosophie und Kunst soll das Thema von verschiedenen Perspektiven beleuchtet und reflektiert werden”. Da trifft Großstadt auf Peripherie und sprechende Bomben auf Selbstauflösungsszenarien. Zitat und weitere Informationen: http://nids.eu/?portfolio=summer-school

> Lana

“Wie eins zum anderen kommt” war heuer der Titel des 30jährigen Jubiläumsfestes von Literatur Lana. An drei Tagen fand ein, Europa innewohnender Dialog statt, welcher durch die literarischen Werke und ihre Verfasser hindurch sprach und vor allem, ohne explizit als solcher benannt zu werden. Das funktioniert durch die Weltkonstruktionen, welche sie unaufdringlich anbieten. Durch die Brücken, die selbstverständlich (im ureigensten Sinne des Wortes) in Europa und darüber hinaus gebaut werden. Allein dadurch, dass vorgelesen wird und das Vorgetragene sich im Raum verteilt, wie Blasen aus Stimmen und Worten beginnt das Gespräch. Zumindest die Koexistenz.  http://www.literaturlana.com

 

Vier Orte der Vielstimmigkeit. Viele andere sind untern Tisch gefallen, wie das bei einer exemplarischen Auswahl so ist. Nun habe ich in dieser Gedankensammlung, deren Titel ich ungefähr 252 mal verändert habe, anfangs versucht, Gemeinsamkeiten der beschriebenen literarischen Projekte herauszufinden. Besonderheiten auch. Da könnte jetzt viel über Bottom-Up Literatur oder Etablierungswege gesprochen werden, über den Mehrwert von genreübergreifendem Austausch (und die Frage: Mehrwert für wen?), über Begriffe zum “on vogue” der Vortragstechniken, oder (abseits von künstlerischen Techniken) darüber, dass Griechenland fast gar nicht in Alpbach vertreten war und sämtliche Kontakte mit Ukrainischen Staatsbürgern schmerzerfüllt waren, ja, den Zuhörer ziemlich ratlos zurückgelassen haben. Die Berichterstatter zu beiden Ländern waren Ärzte, Journalisten, Wissenschaftler.

 

Literarischen Berichterstattern, um zum fragilen Thema der Gemeinsamkeiten zurückzukommen, möchte ich den folgenden Moment widmen. (                                                                                 ). Stille. Es waren ihre Worte, die nicht zufälligen, die nicht belanglosen Worte, die nicht technischen Worte, die mich bei der Hand genommen haben und zu sich auf den Boden gezogen haben um diese Stille zu erzeugen, die mich zuhören lässt. In diesen Momenten höre ich Menschen aus ihren Weltsplittern sprechen, ihr Wahrnehmungsgewebe beschreiben. Nicht einen Menschen, viele. Innenschauen. Außenschauen. Bezugnehmende. Momente aus den Geheimratsecken. Und vor allem Momente, die sonst einfach untern Tisch fallen würden und unbeachtet vom Gelage der großen Worthülsen und Theorien etwas zu erzählen haben. Und dadurch habe ich verstanden. Dadurch habe ich ein kleines bisschen Krieg verstanden. Ein kleines bisschen Burgenland. Ein großes Viel an Wut und Ohnmacht, mit der sich in den letzten Augustwochen die Medien noch mehr gefüllt haben. Mit Menschen. So vielen Menschen und ihren Fußblasen und ihren Ländern im Rückspiegel.

 

Und die kleinen Details die wehtun: Wer hat die Türen verschweißt? Wer hat dabei an seine Kinder gedacht und wem raschelten die Scheine in der Hosentasche? Diese kleinen, nicht als Presseaussendung verwertbaren, unbeobachteten Momente hüpfen oft vom Tisch, kriechen unter den Teppich und tun so, als gäbe es sie nicht. Bis dann ein wachsames Wesen kommt und sie herauslockt, sie auf den Sessel setzt und ihnen zuhört. Und dadurch werden wir mehr verstehen. Mehr von dieser Welt und von denen dahinter. Mehr vom Drähteziehen und von seinen Auswirkungen. Mehr von den inneren Zirkulationsdehnungen. Und von unten herauf, auch mehr von von dem, was diesen Himmel auf den Boden bringt.

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So, und eines möchte ich noch hinzufügen: Wenn der Schluss nicht passt, ist alles fürn …

Das können wir uns merken, I will for sure, für sämtliche Artikel und Präsentationen und Abende. Ob`s stimmt weiß ich nicht. Aber wie schön ist es doch, so konkrete Tipps zu kriegen:)!

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Noch einige Fragen, Ohrflöhe: Welche Worte bietet unserer Sprache für “das Gemeinsame / the common”? Welche Aufgabe haben Informationsaustauschzentren, wie es das Europäische Forum Alpbach ist, an das “Draußen”?: Ich spreche dabei von Information-Wissen-Macht-Verantwortung. Welche Potentiale hat eine literarische Weltentwicklung? Wie werden die “großen” Themen unserer Zeit wo verhandelt? Was wird dieser Sommer 2015 wohl gewesen sein, wenn wir künftig Lieder darüber schreiben?