The health gap – soziale Faktoren als Ursache gesundheitlicher Ungleichheit


Von Sigrid Mairhofer

Was beeinflusst unsere Gesundheit, warum wird die gesundheitliche Kluft immer größer, ist diese Ungleichheit vermeidbar und wie kann gesundheitliche Chancengleichheit gefördert werden? Diesen Fragen und vielen mehr widmet sich die “Commission for Social Determinants of Health” der WHO, unter Leitung von Prof. Michael Marmot.

Gespannt wartete ich auf seinen Vortrag, denn Prof. Marmot ist nicht nur für seine brillante Datenaufarbeitung, sondern auch für seine abwechslungsreiche, witzige und oft provokante Vortragsweise bekannt. Obwohl ich ihn nicht zum ersten Mal hörte war ich neugierig, da diesmal das Zielpublikum ein anderes war. Er spricht zu Wissenschaftlern, Politikern, Mitarbeiter/-innen des Sozialwesens und diesmal v.a. zu Mitarbeiter/-innen des Gesundheits- bzw. Krankenversorgungswesens.

Kopfschmerz kommt nicht von einem Aspirin-Defizit

Und wie zu erwarten war begann sein Vortrag mit einem kleinen Pfeil in diese Richtung. Provokant warf er in den Raum, dass die Experten aus dem Gesundheitsbereich sich häufig nur für Medizin interessieren. Er selbst ist Arzt und Sozialepidemiologe. Doch er interessiert sich für die Ursachen von Krankheit und hier liegt das Problem. Kopfschmerz kommt nicht von einem Aspirin-Defizit, obwohl Aspirin natürlich ein wirksames Medikament gegen Kopfschmerz ist. Mit diesem Statement hatte er gleich einige Lacher auf seiner Seite und doch regte er damit ganz sicher auch zum Nachdenken an. Während oft geglaubt wird, dass gesundheitliche Ungleichheit durch ein möglichst gerechtes Gesundheitssystem verhindert werden kann, so zeigt Marmot auf, dass diese Dienste nur einen sehr kleinen Einfluss auf die Gesundheit haben. Besonders wichtig sind die sozialen Determinanten, sozioökonomische Faktoren wie Bildung, Einkommen und Lebensumstände.

Mit einfachen Beispielen gelang es ihm aufzuzeigen, wie sehr unsere Gesundheitschancen bereits von Geburt an durch unser soziales Umfeld beeinflusst werden und dass gesundheitliche Ungleichheit nicht (nur) ein Thema zwischen „Arm-Reich-Ländern“ ist, sondern uns alle betrifft, auch innerhalb von Ländern, Regionen, Städten. Die meisten von uns wissen meist wenig über gesundheitliche Unterschiede innerhalb wohlhabender Länder und wir denken allzu oft, dass es ein Problem der anderen, ärmeren Regionen sei. Wie sonst könnten wir akzeptieren, dass die Wahrscheinlichkeit innerhalb der ersten 7 Lebensjahre zu sterben in der untersten sozialen Schicht fast doppelt so hoch ist als in der obersten? Wie können wir akzeptieren, dass es innerhalb wohlhabender EU-Länder Unterschiede von Jahrzehnten in der Lebenserwartung zwischen sozialen Schichten gibt?

Jeder sollte die Chance auf ein gesundes langes Leben haben

Egal ob es nun Aufgabe des Gesundheitssystems ist oder nicht, wir müssen uns dafür einsetzen, dass jede/r die möglichst gleiche Chance auf ein gesundes langes Leben hat. Mit seinem Statement, dass das klare Aufzeigen von Missständen Veränderung bringen kann und dass es Möglichkeiten gibt gesundheitliche Chancengerechtigkeit zu fördern hat Marmot uns Mut gemacht für Veränderung einzutreten. Mit seinen abschließenden Worten „do something, do more, do better“ forderte er dazu auf sich für den Kampf gegen gesundheitliche Ungleichheit einzusetzen.

Und auch mir ganz persönlich machte sein Vortrag wieder Mut. Wenn ich während einer Schreibblockade wiedermal denke, dass das Thema meiner Dissertation (Förderung gesundheitlicher Chancengerechtigkeit durch kommunale Gesundheitsförderung) vielleicht niemanden interessieren wird, so zeigte sich doch, dass das Thema aktuell und wichtig ist und dass mit etwas Mut Veränderung möglich ist.